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Blick in die Abgründe 2015 – eine Vernissage

Meistens, wenn ich voller Begeisterung vom Cartoonisten Martin Perscheid erzähle, schaue ich in fragende Gesichter und muss auf Nachfrage erklären, wer das ist. Ich sage dann meist: „Mönsch, das ist doch der Zeichner von „Wenn Deppen duschen“ und der mit den Frauenparkplätzen!“, und dann macht es bei meinen GesprächspartnerInnen sofort Klick! und sie strahlen mich an: „Ach, deeeeeeer. Na klar! Sag das doch gleich! Der ist klasse!“

Martin Perscheid hat am Sonntag die Ausstellung Abgründe 2015 in seiner Heimatstadt Wesseling miteröffnet. Wesseling war mir bisher nur bekannt aus dem Song Müsli-Män der Kölner Kapelle BAP (die von früher!). Seit meinem Besuch am Sonntag weiß ich: Wesseling hat mehrere Kirchen mit allerlei Türmen, gilt aufgrund der Ölvorkommen zurecht als Nigeria des Nordens, besitzt ein ansehnliches Stück Rhein, nennt ein jährlich stattfindendes Stadtfest sein eigen und wird ausschließlich von Künstlern bewohnt.

Die Perscheid-Ausstellung bespielt zentral das Wesselinger Rathaus, welches am Sonntag mitten in einem Stadtfest (Grillwurst hier anstellen, Bierausgabe, Tanz mit!, …) stand, das mitten im Stadtzentrum aufgebaut wurde, welches mitten in der Stadt gelegen ist. So hatte denn alles seine Ordnung und die BesucherInnen waren es zufrieden.

Das Wesselinger Rathaus ist ein bescheidenes Hochhaus aus den 70er Jahren. Es ist formschön und mit allerlei Glühbirnen ausgeschmückt. Zu einem Gutteil besteht es aus gegossenem schweren Beton – und ist damit das genaue Gegenteil der Perscheid-Cartoons. Denn die sind leicht und locker, direkt und schnell. Was für eine gelungene Kombination: feinste Linien in schwerster, teilweise holzgetäfelter Bausubstanz. Hier zeigt sich auch gleich eine der hervorstechendsten Qualitäten der Perscheidschen Zeichnungen: Sie kommen tänzelnd und frisch daher und zeigen also kaum mehr etwas von der Arbeit, die hinter jedem einzelnen Motiv steckt.

Ich schätze Martin Perscheids Arbeiten seit mehr als zwei Jahrzehnten. Auf der Vernissage wurde mir einmal mehr deutlich, dass Perscheid zu Recht als Meister der ökonomischen Zeichnerei gelten darf. Nichts, was nicht wirklich unbedingt zum Witz oder zur Klärung der Situation beiträgt, wird ins Motiv hineingezeichnet. Kein zusätzliches Detail, kein Ornament (Adolf Loos, ick hör Dir trapsen!), kein zufälliges Hintergrundpersonal, keine weitere Stadtsilhouette, kein blümeranter Wolkenhimmel, kein …

Was Perscheid dann schließlich wohlbegründet in die Zeichnung aufnimmt, steht dort in allerbester Ligne-Claire-Manier deutlich auf dem Blatt und in der Welt, sicher gesetzt und komponiert. Kein Strich zuviel und vor allem: keiner zuwenig. Die Blätter sind exakt richtig und witzwirksam gearbeitet. Gut gewürzt und zielsicher komponiert, gut gesehen und perfekt wiedergegeben. Wenn Martin Perscheid dann noch koloriert (von eigener Hand in Aquarell oder per Photoshop-„Eimerchen“), ist seine Farbgebung von ebenso zurückhaltender wie hoher Qualität.

Ach, und habe ich schon erwähnt, dass die Perscheidschen Pointen von außerordentlich körperzitternmachendem, schweißtreibenden und wahrhaft synapsenöffnenden Witz sind? Seine Cartoons schießen Bildwitz und One-Liner ab, die ihresgleichen suchen und schwer nur finden. Na, bitte, jetzt hab ich das Selbstverständliche erwähnt – weiter im Text!

Es war eine heiße Vernissage, wie sie sich für einen rheinischen Sommervormittag gehört. Für dringend benötigte Abkühlung sorgten erst die erfreut aufgenommenen Begrüßungsworte des Bürgermeisters (Sakko ausgezogen!), bevor dann die Rede des Schönzeichners und -schwitzers André POLO Poloczek die Temperatur begeisterungsbedingt auf rekordverdächte 42 °C (vor Steuern) anhob. André Poloczek (selber einer, der weiß, wie man einen guten Witz zeichnet) tat alles, was man als Ausstellungseröffner tun sollte: Er lobte, lobhudelte gar, erläuterte, wies detailliert auf einige Blätter und Details hin, lobhudelte erneut und wünschte abschließend allen Anwesenden viel Spaß. Das alles tat er mit angenehmen Worten, aufgeputzten Formulierungen und heiter laufenden Satzbauten. Ach, es war eine Freude.

Und dann schaute man sich die Bilder an.

Ich möchte an dieser Stelle noch auf das Perscheidsche Gesamtwerk verweisen. Es liegt umfassend editiert vor, wird ständig erweitert und in jeder guten Buchhandlung vorgehalten (don’t be evil and touch Amazon) oder kann dort bestellt werden.

Mein Lieblingscartoon der Ausstellung ist übrigens jener, auf dem nach einem Unfall das Auto brennt und der Fahrer rennt, ebenfalls brennend, davon und dabei wird er von einem Clown-Pantomimen … aber das schauen Sie sich lieber selbst an. Die Ausstellung Abgründe 2015 läuft noch bis zum 18. September im Rathaus der Stadt Wesseling am Alfons-Müller-Platz. Infos gibt’s hier.

Ach ja, und weil grad alle so schön beisammen waren und man die seltenen Gelegenheiten ja nutzen muss, wurde zur Selbstvergewisserung rasch ein Selfie geschossen, das die Herren Perscheid, Poloczek und Neuhaus in aller Pracht am angegebenen Ort zeigt. Rock ’n’ Roll!

2 Kommentare zu “Blick in die Abgründe 2015 – eine Vernissage

  1. Sehr schön! Und ob! So war’s und so ist’s. Und das Foto zeigt ja (v.l.n.r) um des Anfangs Willen, Herrn Perscheid, Herrn Polo und Herrn Peter Panne (Casanova – i.e. Neuhaus).
    Sag, warum sind wir nicht auf’s Dach des Hochhauses gefahren? Wesseling von oben – das wär’s noch gewesen!

    1. Ja meinst Du denn, Wesseling könne von oben noch schöner sein, als von links hinten unten? Wir holen das nach!

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